Man kann ein Team ja auf zwei Arten zusammenstellen. Entweder, man sucht die besten Paare des Landes, also die, die am besten die Aufgaben absolvieren, fehlerfrei, richtig ausgebildet und ausdrucksstark. Oder man nimmt die Paare mit, die von den Richtern mit den höchsten Noten bedacht werden und deshalb die besten Medaillenchancen haben.
Wohin die Reise im deutschen Dressursport gehen soll, hat sich heute mal wieder überdeutlich gezeigt.
Ich weiß ja nicht, wer hier alles die Kür gesehen hat, aber für mich waren die Noten einmal mehr absolut unverständlich (wohingegen ich sie z.B. im Mediencup sehr nachvollziehbar und gerecht fand, da waren es schließlich die gleichen Richter).
Carola Koppelmann mit Le Bo: Wie immer, ein Pferd, dass keinen Charme hat, sich aber ganz gut bewegt und seine Lektionen brav macht. Allerdings ist es ausnahmslos die ganze
Prüfung im Hals viel zu eng. Rahmenerweiterung? Nase an der Senkrechten? Fehlanzeige. Die Kür von der Musik und Choreographie nichts besonderes. Sie landet von den hier genannten gerechterweise auf dem letzten (also 7.) Platz. Sowas als Reserve für die WM? Ich weiß ja nicht...
Hubertus Schmidt mit Donnelly: Ein gut ausgebildetes Pferd, das sieht man auf den ersten Blick. Die Lektionen sitzen und gelingen im wesentlichen fehlerfrei. Sicher auch einer, der sich noch weiterentwickeln kann. Die Kür ist nett, bleibt im Ohr und die ist vom Schwierigkeitsgrad auch nicht zu leicht. Aber trotzdem springt der Funke nicht so komplett über. Ist eben okay, aber nicht überragend. Die Richter sehen das auf Platz 4. Hier sollte wohl jemand nochmal in den Fokus gerückt werden, damit die Nominierung auch gut zu rechtfertigen ist.
Isabell Werth mit Warum nicht: Vom Moment des Einreitens bis zum Schlussgruß ist das Pferd konstant weit hinter der Senkrechten, der Hals eng und krumm gezogen. Das sieht man auch an der Bemuskelung, dass der immer so gearbeitet wird. Die Ohren sind wenigstens zu Beginn der Aufgabe der höchste Punkt, wenn schon nicht das Genick, denn die sind vorne angepinnt, auf der Suche nach dem Monster hinter dem nächsten Blumentopf. Ein losgelassenes Pferd sieht anders aus.
Sicherlich, die Traversalen zeigt keiner mit so viel Übertritt, die Lektionen gelingen auch sonst korrekt und das Programm ist voller Schwierigkeiten. Die Musik ist altbewährt und schön pompös. Aber sollte nicht an allererster Stelle die Harmonie und korrekte Ausbildung stehen? Die Richter finden das nicht so wichtig und machen, was sie immer tun, sie setzen Isabell Werth mit großem Abstand auf Platz 1.
Matthias Alexander Rath mit Sterntaler: Er ist der nächste, zeigt zum ersten Mal seine neue Kür. Komponiert von DEM holländischen Kürpapst. Dann muss es ja was werden... Zur Sicherheit macht auch er sein Pferd von Beginn an eng, das gehört sich heutzutage schließlich so. Um zu zeigen, dass es eigentlich geht, beginnt er mit Piaffe auf die Richter zu. Das Programm ist schwer, gelingt aber über weite Strecken nur so einigermaßen. Vieles ist mehr wischiwaschi als korrekt geritten. Man sieht zwar, was daraus mal werden kann, wenn alles gelingt, aber heute überwiegen doch die Fehler und Fehlerchen. Alles immer mit engem Hals, gerade den Pirouetten tut es nicht gut, wenn das Pferd dabei zwangsläufig so auf der Vorhand laufen muss.
Die Musik erinnert z.B. an Sunrise und Imke Schellenkens-Bartels: Passt perfekt und danach weiß man schon gar nicht mehr, was das eigentlich war. Eben so ein Geplätscher.
Den Richtern ist es egal. Das ist doch einer für Kentucky, jetzt, wo er das Hals eng ziehen auch beherrscht: Platz 2.
Helen Langehanenberg mit Responsible: Schwarze hochbeinige Stute, zarte Reiterin mit unsichtbarer Hilfengebung. Klingt märchenhaft. Das Kürprogramm ist anders als die anderen, die Lektionen sind ungewöhnlicher aneinandergereiht und an Schwierigkeiten fehlt es nicht. Eins der schwersten, wenn auch nicht das schwerste Programm.
Die Musik passt, ist akzentuiert. Alles wirkt harmonisch, das Pferd zeigt seine Höhepunkte, ist jeden Moment "da" und niemals zu eng. Perfekt?
Weit gefehlt, damit wird man bei einer deutschen Meisterschaft nur auf Platz 5 gesetzt. Und einen Platz im Aufgebot für die WM? Den kriegt man doch so nicht. Hals krumm ziehen wurde schließlich nicht gezeigt.
Christoph Koschel mit Donnperignon: Der Reiter reitet nicht oft Küren. Das sieht man. Die Musik (u.a. Sting) ist ja ganz gut, das Programm nicht kinderleicht aber auch nicht gerade schwer. Aber so richtig springt der Funke nicht über. Ob es daran liegt, dass sich in den Piaffen der Reiter mehr bewegt als das Pferd? Wenigstens bleibt er nicht wie in den letzten Tagen einfach stehen. Die Kraft fehlt, damit auch oft der Ausdruck. Trotz allem: Ein korrekt gerittenes Pferd, nicht zu eng, entspannt. Höhepunkte vor allem in den Passagen und im starken Trab.
Sowas ist besser als die schwarze Prinzessin, Platz 3. Unverständlich nach dieser Leistung, aber trotz allem einer der guten Kandidaten für Kentucky. An der Kraft kann man ja noch arbeiten und lieber gut geritten als nur auf Show-Ausdruck geknechtet.
Anabel Balkenhol mit Dablino: Sie sind die letzten Starter und von ihnen kann man nach dem Sieg im Grand Prix und dem zweiten Platz im Spécial einiges erwarten.
Die Kür zeigen sie zum ersten Mal auf einem Turnier. Schon mit dem Auftakt geht es gut los, gleich Doppelpirouetten. Die missraten leider doch ein bisschen. Schade drum. Auch hier wird mit Höchstschwierigkeiten nicht gespart, die gut gezeigt werden. Grobe Fehler passieren keine. Das Programm ist auch mal etwas anders, als die breite Masse, könnte aber noch routinierter abgespult werden.
Das Pferd passt die ganze Zeit wunderbar auf, bleibt bei seiner Reiterin und hat die Nase immer schön vorne. Ausdrucksstärke muss hier nicht mit Spannung erzwungen werden, das Pferd strahlt von alleine. Ein Musterbeispiel für gute Ausbildung eigentlich. Sowas müsste weit nach vorne. Denkt man. Bei einer DM ist das nur Rang 6 wert. Verstehe das, wer will...
Das ist meine (natürlich höchst subjektive) Einschätzung der heutigen Kür. Meiner Ansicht nach hätte die Rangierung damit heute heißen müssen: Responsible - Dablino - Donnperignon oder Donnelly. Aber es kommt ja anders, schließlich muss das Ergebnis zur Politik passen.
So sähe auch mein Wunschteam für Kentucky aus. Auch wenn ich einsehe, dass z.B. ein Sterntaler Bewegungspotenzial für zwei hat. Nützt nur in meinen Augen nichts, wenn der nur unter Spannung durch die Aufgabe kommt oder in den wichtigeren Pflichtaufgaben (für die Mannschaft) mit schöner Regelmäßigkeit den Gehorsam aufkündigt.
Ich hab auch nichts gegen Isabell Werth, aber ihre Reiterei, gerade mit Hannes ist einfach fürchterlich. Ein Pferd, dass nicht von hinten nach vorne sondern von vorne nach hinten gearbeitet ist (warum bitte ging er sonst in den letzten
Prüfungen in den Piaffen rückwärts?) und ununterbrochen zu eng ist, das gehört nicht als bestes Paar zur WM. Traurig, wenn eine Reitnation sowas als ihre Nummer 1 verkauft.
Triviant als Ersatzpferd hat schon gute Platzierungen international erreicht, vielleicht auch, weil er so schön holländisch trabt. Wem's gefällt... Mir nicht.
Ich fände es besser, wenn man sich wirklich von den Holländern absetzen würde, in dem man solide ausgebildete Pferde zur WM schickt. Welche mit Reitern, die feine Hilfen geben und lieber mal eine Pirouette etwas größer oder eine Piaffe etwas mehr vorwärts reiten, als ihren Pferden den Hals eng zu ziehen und so wenigstens die Lektionen "perfekt" hinzulegen.
Diese Chance hat man bei der letzten EM (wo Isabell Werth ja fehlte) wenigstens ein bisschen genutzt, jetzt hätte man das logisch fortführen können. Aber wo der Wille fehlt...
Ich denke, dass es mit der Mannschaft im guten Fall (wenn Isabell Werth auch international wieder die Punkte kriegt wie zu vor-Totilas-Zeiten, Sterntaler sich entschließt auf der Mittellinie zu piaffieren, Donnperignon nicht einfach stehen bleibt und Dablino einen lockeren Tag erwischt) zu Silber reicht, im schlechteren zu Bronze. Eine Medaille sollte wirklich drin sein.
Im Einzel sieht es düster aus. Totilas - ob gerechtfertigt oder nicht - wird mit dem zusammengezogenen Parzival die Plätze eins und zwei unter sich ausmachen. Um Platz 3 kabbeln sich dann Ravel (Steffen Peters - ausgewanderter Deutscher für die USA), Satchmo und - ich befürchte es - die schweifschlagende Sunrise. Die anderen werden wohl keine Chance haben.
Fleißbienchen an die, die diesen Roman bis hier gelesen haben

. LG Lelie